Bericht: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg

Nürnberg, einst »Stadt der Reichsparteitage«, eröffnete am 4. November im Nordflügel der ehemaligen Kongresshalle ein Dokumentationszentrum. Der Bau, Relikt aus einer tragischen Zeit, war für den einmal im Jahr stattfindenden Parteikongress der NSDAP geplant. 50 000 Menschen sollten sich in der Arena versammeln können. Dieser größenwahnsinnige Bau, Zeichen einer unfassbaren Machtdemonstration, ist heute die umfangreichste gebaute Erinnerung an das NS-Regime. 1935 wurde sie von Ludwig und Franz Ruff begonnen, jedoch nie vollendet. Und doch: Die Mauern, die nur 40 m hoch sind, obwohl sie 68 m erreichen sollten, der warme Farbton der Ziegel, der in kühlen Naturstein gehüllt werden sollte, schaffen eine Monumentalität, deren Wirkung man sich auch heute nicht entziehen kann. Dieser Architektur zu begegnen, den nördlichen Teil des Kopfbaus in Ausstellungsräume zu verwandeln und ein Auditorium einzufügen, war die Forderung eines 1998 ausgeschriebenen Wettbewerbs. Der Gewinner, Günther Domenig, rammte einen begehbaren Speer aus Glas und Stahl durch die dicken Mauern, eine aufgelöste Konstruktion, die die rechten Winkel des Baus und die sture Achsialität der Gesamtanlage sprengt. Über diesem Speer, auf dem Dach des bestehenden Gebäudes, schwebt ein gläserner, schrägwinkliger Körper, der ein Lern- und Studienforum beherbergt. Darunter, im ersten Obergeschoss, liegen die Räume für die Dauerausstellung. Der Gang selbst ist Erschließungszone und Museumsparcours. In der Eingangshalle dockt er an einen gläsernen Aufzug und eine Stahltreppe an. Er durchschneidet diagonal den Nordteil des Kopfbaus, durchdringt einen Innenhof und stößt wieder durch die Mauer. Dort gibt er Blicke auf die weitgehend im Rohzustand belassen Räume frei, Räume mit dicken Ziegelsäulen und -wänden, deren Mächtigkeit die Macht zeigen sollten, deren Schwere heute Bedrückung auslöst. Nur teilweise sind die Räume mit Exponaten bestückt, sie stellen sich selbst aus, sind Zeugnis der totalitären Herrschaft. Am Ende mündet der Gang in eine Aussichtskanzel, von der aus der Besucher die gigantischen Ausmaße der Arena überblicken kann. Deren pure Dimension erschlägt, macht den Größenwahn des totalitären Regimes bewusst. Die eigentliche Ausstellung im Obergeschoss ist als Rundgang durch 1300 m2 unverputzte Backstein-Architektur konzipiert. Auch hier blieben die Räume in ihrer Ursprungsform erhalten. Spitzwinklige Einbauten aus rohem Stahl verschließen die Fenster und dienen als Rahmen für Monitore. Filme, Fotos und Texte dokumentieren die Geschichte der Reichsparteitage. In dem neuen Auditorium, das stützenfrei auf zwei riesigen Unterzügen in der Eingangshalle ruht, werden Filme mit Interviews von Zeitzeugen gezeigt. Die Auseinandersetzung mit einem schwierigen Thema ist Günther Domenig mit seiner Absicht, durch »dekonstruktivistische Winkelbezüge« die Monumentalität des Baus zu »entmachten«, geglückt.

Bericht: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg